Rita und Hermann Nitsch bei der 100, Aktion, 6 Tage Spiel; Foto Archiv Cibulka-Frey

Hermann Nitsch Portrait Foto: Erika Schmid

Pepe Morra und Hermann Nitsch Foto: Erika Schmid

Hermann Nitsch Biografie

1938 bin ich in Wien geboren und im 2. Weltkrieg aufgewachsen. Von 1943-1945 musste ich als Kind täglich Bombenangriffe erleben. Mein Vater fiel in Russland. Der Krieg machte mich schon als Schüler zum Kosmopoliten und Gegner aller Nationalitäten und aller Poltik. Ich war ein Schulversager und musste das Gymnasium verlassen. Meine zeichnerische Begabung ermöglichte mir das Studium an der graphischen Lehr- und Versuchtsanstalt. Ich erhielt dort eine gute künstlerische Grundausbildung. Ich entwickelte mich vom Naturstudium zur abstrakten Malerei. Auch beschäftigte ich mich mit Lyrik, Dichtung, Theater und klassischer Musik. Die Gesamtkunstwerkansätze von der griechischen Tragöde, von Claudio Monteverdi, von Richard Wagner, Richard Straus, Claude Debussy, Alexander Skrjabin, Wassily Kandisky und Arnold Schönberg faszinierten mich. Philosophie, vergleichende Religionswissenschaften und Psychoanalyse, die Mystik aller Religionen interessierten mich. Zur gleichen Zeit begriff ich die landschaftliche Schönheit des Weinviertels. Ich hatte innige Naturerlebnisse. Nach Beendigung des Studiums 1958 wurde ich Grafiker in Technischen Museum (Wien). Ich bezog dort ein grosses Atelier und konnte viel an den Partituren des O.M. Theaters arbeiten. Ich versuchte ein 6 Tage dauerndes Urdrama zu schreiben, welches die antike Tragödie, Shakespeare, Faust, Kleist und Wagner zusammenfassen und auf einen Nenner bringen sollte. Informiert durch Freud und Jung wollte ich Erlösungsmythen, tiefenpsychologisch gesehen gedeutet in meine Arbeit einbeziehen. Das Urdrama benutzte die Sprache. Schauspieler sollten ihre Rollen sprechen. Die Sprache war vollgepfercht mit sinnlichen Bildern. Das Buch „Die Wortdichtung des O.M. Theaters“ veranschaulicht diese Entwicklungsphase meines Werkes. Warum sollten meine Zuschauer nur von den verbal zitierten Erinnerungen sinnlicher Empfindungen getroffen werden. Ich verlange von meinen Zuschauern, dass sie direkt sinnlich erleben sollten. Es gab Anweisungen zu schmecken, riechen, schauen, hören und tasten. Es wurden Fleisch, Eingeweide und Obst zum Betasten an die Zuschauer gegeben. Gerüche wurden verströmt, Weihrauch und anderes Räucherwerk. Flüssigkeiten wie Blut, Benzin, Essig, Milch, Urin, Petrolium, Terpentin, Amoniak, Essig, heisses Wasser und Milch (wurden) im Theater verschüttet. In der Folge entstand das Orgien Mysterien Theater durch welches die Sprache überwunden wurde. Es sollten nur mehr reale Geschehnisse inszeniert werden. Das Orgien Mysterien Theater war geboren.

1959 zeigte eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus tachistische informelle Werke von Sam Francis, Pollock, de Koonig, Tapies, Mathieu, Rainer und viele andere. Ich verstand diese Malerei. Diese Maler führten das durch, was ich im Theater realisieren wollte. Ich schloss mich dieser Aktionsmalerei an. Die erste Stufe der Realisation des O.M. Theaters fand auf einer Bildfläche statt. In Wien veranstaltete ich von 1960 bis 1967 Ausstellungen, Aktionen und Malaktionen, die viel Protest und Skandale auslösten und die mir drei Gefängnisstrafen und ein Gerichtsurteil von einem halben Jahr bedingt einbrachten. Neben den Gegnern meiner Arbeit, gab es viele, die meine Arbeit schätzten und von ihr begeistert waren. Eva Krannich wurde meine Frau. Sie unterstützte mich in selbstloser Weise, da ich kein Geld mit meiner Kunst verdiente. Peter Kubelka und Wolfgang Tunner wurden meine lebenslangen Freunde.

Von 1964 führte ich mit Schwarzkogler und Cibulka, die sich als passive Akteure zur Verfügung stellten, wichtige Körperaktionen durch, die heute als Beginn der Body Art gesehen werden. Cibulka wurde ein Freund von mir und förderte Jahrzehnte, als passiver Akteur und Fotograf der Aktionen, mein Werk.

1961 lernte ich Mühl, Brus und Schwarzkogler kennen. Wir vier wurdeen als die Wiener Aktionisten bezeichnet. Die performative Kunst war das Gemeinsame an uns. 1966 wurden Brus, Mühl, Krenn, Weibl und ich von Gustav Metzger nach London zum Destruction in Art Festival eingeladen. Wir standen einem internationalen Forum gegenüber und hatten alle grossen Erfolg. Meine Aktion wurde enthusiastisch vom Publikum aufgenommen, aber von der Londoner Polizei abgebrochen. Wieder mussten, die Veranstalter Gerichtsverhandlungen über sich ergehen lassen. Nach meiner Rückkehr aus London ließ sich Eva Nitsch (von mir) scheiden. Ich war traurig, verzweifelt, mittellos und stand vor dem Nichts. Ich verließ Wien 1967, ging nach München und fand in Beate König eine herzliche, geliebte Freundin. Sie nahm mich auf.

Peter Kubelka schrieb mir zu Weihnachten 1967 und teilte mir mit, dass mich Jonas Mekas in die USA einladen will, um dort mein Theater zu realisieren. Im Jänner 1968 flog ich nach New York. Beate besuchte in Südwestafrika ihre dort lebende Schwester. Ich führte zwei Aktionen in New York in der alten Cinematheque in der Wooster Street auf. Ich konnte einen grossen Erfolg verzeichnen. Alle Happening- und Fluxus-Künstler standen hinter mir, Nam June Paik, Charlotte Moorman, Allan Kaprow, Jonas Mekas, Carolee Schneemann. Das Presse Echo war überwältigend. Eine große Aktion in Cincinatti wurde zuerst verboten und dann doch triumphal aufgeführt. Die Aufführung meines Werkes in Amerika war der erste wirklich grosse Erfolg, den ich erleben durfte. Am Karfreitag kam ich zurück nach München. Beate holte mich am Flughafen ab. Einige Tage später wussten wir, dass wir heiraten wollten. Beate gab mir Mut meine Arbeit zu realisieren. Sie unterstützte mich und mein Werk. In München führte ich einige wichtige Aktionen auf. Vor allem die Aktion Maria Empfängnis mit Hanel Köck. Am Goethe Platz in München gab es einen Aktionsraum, der sich zur Aufgabe setzte Aktionskunst zu realiseren. Er wurde finanziert von einer Bosch Tochter, Eva Madelung. Geleitet wurde der Aktionsraum von Alfred Gulden und Peter Nemetschek. Ich führte dort das 7. Abreaktionsspiel auf. Es wurde von der Polizei verboten. Durch eine List konnten wir es am nächsten Vormittag aufführen. Die Aufführung wurde zu einem Hauptwerk der internationalen Performance Kunst. Brus führte ebenfalls eine Aktion auf. Im selben Jahr gelang es mir in den USA in New Brunswick und in Binghamton zwei Aktionen zu veranstalten. Die letztere in Binghamton weitete sich zu einen riesen Skandal aus. Danach konnte ich noch im selben Jahr in Köln im Rahmen der Happening und Fluxus Ausstellung eine Aktion veranstalten.

1971 gelang es Beate Nitsch Schloss Prinzendorf als mein Theater zu erwerben. Der Verein zur Förderung des Orgien Mysterien Theaters wurde gegründet. Bis heute veranstaltet der Verein fast jedes Jahr im Schloss Prinzendorf Pfingstfeste. Wolfgang Wunderlich wurde zu dieser Zeit mein guter Freund und war langjähriger Assistent. Durch Vermittlung von Rainer Jochims wurde ich berufen als Gastdozent an der Frankfurter Städelschule zu unterrichten. Ich war mehrmals Gast in Frankfurt bis ich 1988 eine Klasse für interdisziplinäre Kunst an der Städelschule bis zu meine Emeritierung 2001 übernahm. Zu unterrichten hat mir viel Freude gemacht. Ich habe gelehrt an der Hamburger Kunsthochschule Lerchenfeld, an der Kunstkochschule Reykjavik und an der Sommerakademie in Salzburg, wo Kokoschka seine Schule des Sehens aufbaute. Ich war der Nachfolger von Vedova. Durch die Organisation meines Theaters musste ich eigentlich immer lehren, bis heute.

1972 wurde ich von Harald Szeemann zur Dokumenta nach Kassel eingeladen. In diesem Jahr lernte ich Francesco Conz kennen. Er liebte meine Arbeit und sammelte sie bis zu seinem Tod. Er ermöglichte mir durch seine Ankäufe mein erstes Einkommen. Im Dezember des selben Jahres gelang es mir mit Hilfe von Jonas Mekas und Peter Kubelka im Mercer Center in New York 12 Stunden meines O.M. Theaters aufzuführen, bei der Peter Kubelka selbst gekocht hat.

1974 lud mich Peppe Morra nach Neapel zu einer Ausstellung und Aufführung einer Aktion ein. Die Aktion wurde zu einem riesen Erfolg. Morra und die Neapolitaner waren begeistert. Die Polizei überwachte die Aktion und am nächsten Tag wurden wir aus Italien ausgewiesen. Morra wurde ein treuer Freund und begeisterter Förderer meiner Arbeit. Er verlegte viele Bücher, liess sie ins Italienische übersetzen, organisierte viele meiner Aktionen und legte den Grundstein zu meinem Erfolg in Italien.

1974 veranstaltete die Galerie Stadler zur Eröffnung der ersten Fiac in Paris, die 48. Aktion. Die Aktion löste Turbulenzen aus, wurde zum Tagesgespräch in Paris.
1975 wurde unter mit der Hilfe von Beate der erste Tag und die erste Nacht des 6-Tage-Spieles im Schloss Prinzendorf realisiert. Ca. 100 Mitwirkende wurden eingesetzt, Peter Kubelka hat gekocht und Alfred Gulden hat Regie geführt. Aktionen fanden in allen Räumen, Stallungen, Weinkelleranlagen, im Hof und Park des Schlosses statt. Die von einer Mauer umfriedete Schlossanlage wurde nicht verlassen.

1977 verunglückte meine Frau Beate Nitsch tödlich. Das unsagbar schwerste Unglück meines Lebens hat mich damals getroffen. Ich hatte tiefstes Leid zu erfahren. Alles wurde in Frage gestellt, aber alle meine Freunden und meine alte Mutter haben mir weiter geholfen. Im selben Jahr wurde in der Kirche Santa Lucia in Bologna eine Aktion aufgeführt. Diese Aktion war das Requiem für Beate. Sie hat mir noch einmal geholfen, als ich bei dieser Aktion erkannte, dass meine Musik nur mehr aus langgezogenen Klangblöcken bestehen sollte. Bei dieser Aufführung gelang es mir die zukünftige Entwicklung meiner Musik zu finden. Ich zog von Diessen am Ammersee wieder nach Prinzendorf. 1978 gelang es Morra eine 12 stündige Aktion im Römischen Theater in Triest mit meinem Team durchzuführen. Im selben Jahr fand eine Aktion in Arnheim statt. Francesco Conz konnte eine große Aktion in Florenz im Monastero delle Oblate organisieren. Im Herbst dieses Jahres fand eine Aktion in New York zur Eröffnung der New Yorker Kunstmesse statt. 1982 luden mich Rudi Fuchs und Johannes Gachnag zur Documenta nach Kassel ein. Ich war sehr gut vertreten. 1983 zeigte Rudi Fuchs eine Ausstellung meiner Werke im Stedelijk Museum Eindhoven. Im selben Jahr fand eine Aktion statt. Eine Lebensfreundschaft mit Erni und Herbert Gadenstätter entstand. Deren Freundin Christine König lebte mit mir von 1984-1986. Sie half mir sehr beim Organisieren meiner Arbeit.

1987 konnte ich eine Malaktion in der Wiener Secession durchführen. Ich war sehr stolz in dem Haus in dem Klimt, Schiele und Hodler ausstellten, meine Werke zu zeigen. 1988 vertrat ich Österreich bei der Biennale in Sydney. Ich veranstaltete eine große Malaktion. Grosse Aufregung und Publikumsinteresse ergaben sich. Im gleichen Jahr heiratete ich Rita Leitenbor. Sie hat von da an meine Arbeit gefördert und unterstützt, sie wurde zu meiner Managerin. Rita hat bei allen meinen folgenden Aktionen mitgewirkt und sie hat Sorge getragen, dass Schloss Prinzendorf sachkundig und denkmalpflegerisch richtig restauriert wurde.

1992 musste ich Österreich bei der Weltausstellung in Sevilla vertreten. Peter Weiermair kuratierte die Ausstellung. Wieder kam es zum Skandal, den Österreich auslöste. In Spanien war die Ausstellung ein großer Erfolg. Bundespräsident Klestil verweigerte es die Ausstellung zu eröffnen, wegen gezeigter blutiger Priestergewänder. Mein Freund Wolfgang Denk war damals Direktor der Kunsthalle Krems. Er veranstaltete 1993 eine grosse Ausstellung meines Werkes in der Prager Nationalgalerie, in der Aussenstelle am Hradschin und 1994 eine in der Minoritenkirche in Krems-Stein. Später wurde er zum Gründungsdirektor des Nitsch Museums in Mistelbach.

Bei der Eröffnung meiner Ausstellung in Sevilla machte mir Direktor Holender das Angebot für die Wiener Staatsoper Bühnenbild und Ausstattung der Oper Herodiade von Jules Massenet durchzuführen. Ich erbat mir Bedenkzeit, sagte aber dann zu. 1995 war die Premiere, die Inszenierung wurde mein zumindest äußerlich größter Erfolg, den ich je hatte. Die Wiener hatten sich versöhnt mit mir. In der Folge stattete ich 2001 die Oper Satyagraha von Philip Glass aus. An der Züricher Oper übernahm ich 2007 die Ausstattung und Regiebeteiligung der szenischen Aufführung der Vertonung von Goethes Faust durch Robert Schumann, es dirigierte Franz Welser-Möst. 2011 übernahm ich die Ausstattung und Regiebeteiligung für Saint François d’Assise von Messiaens an der Bayrischen Staatsoper in München. Ich habe versucht die Möglichkeiten meines Theaterkonzepts auf die Inszenierung von Werken anderer Komponisten zu übertragen. Ich möchte mich aber jetzt nur mehr mit meinem eigenen Werk beschäftigen.

1998 wurde das 6-Tage-Spiel im Orgien Mysterien Theater in Prinzendorf aufgeführt. Es handelte sich um die (bislang) grösste Realisation meines Werkes. Ca. 500 Mitwirkende stampften die Aktion aus dem Boden. Drei Orchester, eine Kammermusikgruppe, eine Choralschola, ein grosser gemischter Chor, eine Küche, eine Tischlerei, ein Fleischer, Ärzte, auch Rechtsanwälte wurden benötigt. Die Musik wurde von Clemens Gadenstätter und zwei Kodirigenten geleitet. Regie hat Alfred Gulden geführt. Die Partitur war sowohl, was die Aktionen als auch die Musik betrifft, für alle 6 Tage durchkomponiert. Die Aktion fand in allen Räumen und Stallungen, den unterirdischen Kelleranlagen, im Hof und Park und Obstgarten des Schlosses statt. Diesmal wurde auch die Umgebung, die Landschaft des Weinviertels mit einbezogen. Weinkeller in den Feldern und Kellergassen wurden besucht. Prozessionen durch Wiesen, Felder und Weingärten geführt. Die ganze Gegend um Prinzendorf wurde zu einem heiligen Volksfest. Das Spiel liess orgiastische exzessive und tragische Erlebnismöglichkeiten und meditative erleuchtete Momente des Begreifens des kosmischen Ganzen, des Seins zu. Wir wurden ungerecht angefeindet von Tierschützern. Rechte Politiker wollten unsere Veranstaltung schliessen. Es gelang ihnen nicht. Wir führten unsere Veranstaltung bis zum Ende durch. Wie immer war ein grosser Erfolg mit unnötigen Protesten und Skandalen verbunden. Ein ungeheuerliches Presseecho entstand.

Das lebensbejahende Fest des Orgien Mysterien Theaters beschäftigt sich mit dem Gang des denkenden Fleisches und dem sinnlichen Erleben unserer Wirklichkeit. Die anatomische Beschau unserer fleischlichen Leiblichkeit vertreten durch die geschlachteten Tiere, durch die Öffnungen und Ausweidungen ihrer Leiber. Die herausdringenden Gedärme und Eingeweide werden mit Blut und Schleim beschüttet. Der sinnliche Prunk der Opfervorgänge drängt zur Auferstehung des Fleisches. Der nackte menschliche Körper erlebt existierend voll passiv und aktiv das Sein. Die synästhetische Zusammenballung der sinnlichen Erlebnisse lässt ihn tiefer ins Sein eindringen. Das 6-Tage-Spiel des O. M. Theaters ist der konzentrierte existenzielle Versuch das Sein intensiv zu erfahren, zu erleben. Das in den sechs Tagen erfahrene, die ästhetische Verdichtung des Erlebens durch die Form, soll nun auf den normalen Lebensablauf übertragen werden. Drei Entwürfe zu Ordensregeln, welche die Erlebnisdichte des Spiels auf die normale Lebensform bewirken sollen, liegen vor.

2003 wurde im Essl Museum in Klosterneuburg eine grosse Retrospektive gezeigt. Das Material wurde zur Gänze von Karl Heinz Essl gekauft. Im gleichen Jahr fand im Essl Museum die 115. Aktion statt. Zwischen Essl und mir entwickelte sich eine herzliche Freundschaft.

2006 fand in Berlin im Martin Gropius Bau eine große Retrospektive meiner Arbeit statt. 2007 wurde in Mistelbach das Nitsch Museum eröffnet. Wolfgang Denk, Landeshauptmann Pröll und Bürgermeister Resch ist der Aufbau und die Verwirklichung des Nitsch Museums zu danken. Zur Eröffnung kamen 4000 Menschen buchstäblich aus aller Welt. 2008 eröffnete Giuseppe Morra das Museo Nitsch in Neapel. Morra zeigt meine Aktivitäten in Italien auch hier kamen tausende Menschen. Ein grosser Erfolg war zu verzeichnen. In italien und besonders in Neapel liebt man meine Arbeit. Ich habe dort meine treuesten Befürworter.

Einer der Höhepunkte meines Lebens war die Aufführung der 122. Aktion im Wiener Burgtheater, die Direktor Bachler 2005 erwirkte. Die Musik vermochte in diesem Theater zu überzeugen. Die Aufführung war ein Triumph. Die Musik meines Theaters wurde immer wichtiger. Ich konnte sie in konzertanter Form in Europa und den USA aufführen. Sinfonien wurden von mir in Wien, Graz, Basel, Reykjavik, München, Rom, Mistelbach, Mexiko und Verona aufgeführt. Orgelkonzerte fanden in Wien, Linz, Salzburg, Berlin, Brüssel, Frankfurt, Luxemburg, Bern, Glasgow, New York und Toronto statt.

2009 wurde die Nitsch Foundation von Michael Karrer und Rudolf Kratochwill gegründet. Später übernahm meine Frau Rita Nitsch die Leitung. Es soll meine Arbeit gefördert werden, Veranstaltungen organisiert, auch der Verkauf meiner Arbeiten ist wichtig.

2012 wurde Michael Karrer der künstlerische Leiter des Nitsch Museums in Mistelbach. Er realisierte mit mir viele schöne Ausstellungen und Veranstaltungen. Seine grossartigste Leistung war die umfassende fast 1000 Seite starke Nitsch Monografie. Es gelang ihm ein Standard- und Nachschlagewerk.

2012 organisierte Peppe Morra die 135. Aktion in Kuba. Alles war mir erfreulich in diesem wunderbaren Land. Die Akteure bzw. Studenten waren enthusiastisch, setzten sich rückhaltlos ein, waren von den (paganen) sinnlichen Ritualen ergriffen, sie ereigneten sich exzessiv. Wieder war die von Andrea Cusumano dirigierte Musik ein aufwühlendes Ereignis. Die Universität von Havanna ernannte mich nach der Aufführung zum Ehrendoktor.
2013 gelang dem Centraltheater in Leipzig ein 3-Tage-Spiel, die 138. Aktion, in Szene zu setzen. Die Aktion war wuchtig. Sie wurde von Tierschützern angegriffen, konnte aber ungestört durchgeführt werden.

2017 wurde unser Team nach Hobart in Tasmanien eingeladen zur 150. Aktion. Nach langer und schwieriger Anreise erreichten wir endlich unser Ziel. Alle meine Akteure, allen voran mein Sohn Leo Kopp, aber auch mein persönlicher Assistent Josef Smutny gaben ihr Bestes. Auch die Gastgeber hatten alles gut vorbereitet und unterstützen uns vorbildlich. Das Presseecho war enorm positiv und umfasste neben Australien auch den angelsächischen Raum.

Zu meinem 80. Geburtstag gab es in Berlin, Frankfurt, London, Paris, Wien, Prinzendorf, Hagen und in meinen beiden Museen in Neapel und Mistelbach Ausstellungen. In Mistelbach wurde die Aktionssinfonie, die 155. Aktion, uraufgeführt. 2019 veranstaltet die Albertina eine grosse Ausstellung über alle Epochen meiner Malerei.

2020(2021) möchte ich das 6-Tage-Spiel weitergeführt noch einmal in Prinzendorf verwirklichen. Auch in diesem Fall wird die Musik wesentlicher werden. Das Orgien Mysterien Theater ist gerüstet zum 6-Tage-Spiel. In der Landschaft, in den Weingärten, in den Kornfeldern, in den Kellergassen des Weinviertels wird sich viel Freude ereignen. Nie gehörte, das Universum anstrahlende Klänge werden unsere Rauschaufwallung ins Wesentliche führen. Die immer wieder sich vollziehende Auferstehung und Erleuchtung bestimmt das Sein. Alle Gärten sollen zu blühen beginnen und in verschwenderischer Blumenpracht ertrinken. Meine Arbeit will ein Lebensfest entwerfen. Schloss Prinzendorf, das O.M. Theater, wird als Zentrum des Festes begriffen. Von da aus soll sich das Fest auf die ganze Natur, auf die ganze Schöpfung ausbreiten, die Schöpfung ergibt sich als Lebensfest zu erkennen und dies trotz des Tragischen, trotz des Achsenpunkt des Todes von dem aus alle ewig sich ereignende Wiederkehr entsteht. Das Tragische des Unterganges und die daraus wieder sich entwickelnden Erneuerung werden als Wendepunkt im Ablauf der ewigen Wiederkehr erkannt.

Der dionysische Exzess entspricht den genannten Tatsachen. Er ist Aufbau und Zerstörung gleichzeitig. Er kann identisch gesehen werden mit dem Urknall, dem Grundexzess.
Neben dem dramatischen Verständnis des Ereignisses SEIN durch das O.M. Theater kann durch dieses auch das zusammenfassende meditative Begreifen des Ganzen erreicht werden. Unzählige Sonnensysteme, Galaxien, aneinander in Unendlichkeit angesiedelte Kosmen stellen sich im Weltall als Universum dar. Wir versinken in den Punkt der Ruhe und sehen, dass das unendliche Ereignis des SEINS um uns in feierlich großen Bahnen, uns einschliessend, kreist. (2019)